
D. Rüggeberg (Hg.)
Fragen an Meister Arion (Franz Bardon)
Nachwort
In der letzten Zeit sind außerhalb des von mir herausgegebenen Werkes Schriften aufgetaucht, in denen die phantastischsten Geschichten über Franz Bardon erzählt werden. Dabei wird oft der wahre Name des Verfassers verschwiegen und mit irgendwelchen Pseudonymen operiert.
Bei ausreichend kritischer Einstellung der Interessenten sind die meisten Geschichten leicht als wüste Phantasterei zu erkennen, obwohl ich schon öfter den Eindruck hatte, dass manche Menschen bei der Berührung mit der Magie jeden gesunden Menschenverstand verlieren. Es gibt jedoch eine Frage, über die sich besonders viele Schüler Illusionen machen, und das ist die Frage nach der Dauer einer okkulten oder magischen Entwicklung bis zur Hellsichtigkeit, die auch oft von Eingeweihten mit Erleuchtung umschrieben wird.
Da einer der angeblichen Bardon-Schüler behauptet hat, dass er in neun Monaten den Lehrgang aus „Der Weg zum wahren Adepten“ abgeschlossen hat, habe ich mich entschlossen, hier einmal kurz zu diesem Problem Stellung zu nehmen. Solche Aussagen halte ich nämlich für Betrug, vor dem ich die ehrlichen Schüler gerne bewahren möchte.
Zu diesem Zweck habe ich ein paar Aussagen von Eingeweihten und Lehrern zusammengetragen, damit der Interessent und Student etwas mehr Klarheit gewinnt und lernt, dieses Problem richtig zu beurteilen. Damit die wichtigsten Aussagen nicht übersehen werden, habe einige stellen fett markiert.
Swami Sivananda schreibt in „Yoga im täglichen Leben“ unter anderem: S. 86: Der Fortgeschrittene muß die Upanishaden studieren, Brahma Sutras, Panchadasi, Vidiar Sagar, Naishkarma Siddhi, Chit Sukhi, Khandan Khadyam, Adwaita Siddhi, die klassischen Werke über Vedanta. Schwierige Bücher sollten unter einem Brahma Stotri, der Brahma kennt (Brahmanishta) studiert werden. Pranava (OM) muß im Geiste täglich wenigstens 21600 mal wiederholt werden. Früh morgens beginnt man um vier Uhr Sadhana, Japa und Nirakara-Meditation. Die vier Mittel der Erlösung sollte der Fortgeschrittene besitzen.
S. 106: Wenn du deine Konzentrationsfähigkeit steigern willst, mußt du deine weltlichen Tätigkeiten einschränken. Du mußt jeden Tag zwei Stunden oder länger das Schweigegelübde einhalten können.
Übe Konzentration solange, bis dein Verstand auf das Konzentrationsobjekt sicher eingestellt ist. Wenn deine Gedanken abschweifen, bringe sie wieder zu ihrem Gegenstand zurück.
Während tiefer und angespannter Konzentration können die Sinne nicht arbeiten. Wer täglich drei Stunden lang sich völlig konzentriert, wird ungeheure seelische Kräfte entfalten und einen eisernen Willen bekommen.
S. 154: 1. Erwirb zuerst und dann verzichte. Befriedige alle deine Bedürfnisse und Begierden und dann erkenne, wie hohl und schal diese weltlichen Sinnesdinge sind - und entsage ihnen. Das ist Entsagen durch Erwerb. Ein Bettler kann nicht behaupten, ein Tyagi (der auf die Welt und die Dinge verzichtete) zu sein. Was hat er, worauf er verzichten könnte?
2. Sei im Herzen ein aufrichtiger Sannyasin, der das mönchische Leben wählte.
3. Säe die Saat des Geistes in deinem 20. Jahr. Sie wird tief einwurzeln, blühen und mit 40 Frucht bringen. Dann wirst du ein Atman-Jnani, der Atman erkannte. Du mußt dir von einem geistigen Führer oder Meister Anweisungen über Yoga Sadhana geben lassen und dann 20 Jahre lang planmäßig üben.
In „Kundalini-Yoga“ schreibt Sivananda u.a.: S. 121: STELLUNGEN (Bedeutung der Asanas) Vier Asanas werden für Japam und Meditation vorgeschrieben: Padmasana, Siddhasana, Swastikasana und Sukhasana. Für jede dieser Stellungen muß der Schüler ununterbrochen und unbeweglich bis zu drei Stunden ruhig sitzen können. Erst dann wird er die Asanas beherrschen (asana jeya) und Erfolg in der Meditation erreichen. Je unbeweglicher er die Stellungen eine Stunde lang einnimmt, umso fähiger ist er, sein Bewußtsein zu konzentrieren und auf einen Punkt zu richten. Unendlichen Frieden und Glückseligkeit werden diese Asanas ihm geben.
Der Schüler muß sich einbilden, er wäre unbeweglich wie ein Fels und sich dies ein halbes dutzendmal während der Asanas suggerieren. Dann wird er bald unbeweglich bleiben und während seiner Meditation einer lebenden Statue gleichen. Man beginnt mit einer halben Stunde und steigen langsam die Dauer bis zu drei Stunden.
Sivananda: Konzentration und Meditation:
S. 72: Deine Entsagung (vairagya) ist noch nicht intensiv genug. Entwickle sie und übe tiefe geistige Disziplin (sadhana). Erhöhe die Meditationszeit auf vier Stunden. Beschränke deine Aktivität (vyavahara). Gehe drei Monate in die Einsamkeit und bewahre dort die ganze Zeit Schweigen (mauna). Du wirst wunderbare Konzentration und Meditation erreichen.
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Swami Muktananda hat 30 Jahre lang bei mehreren Meistern gelernt, bevor er zur Erleuchtung gekommen ist.
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Boris Sacharow schreibt in seinem Werk „Das große Geheimnis“ u.a.: S. 178: „Es ist äußerst schwer, geradezu unausführbar, am Anfang der Praxis jedenfalls, das Denkprinzip an einem Gegenstand, geschweige denn einer Idee, zu fesseln und es bildplastisch längere Zeit im Geiste festzuhalten. Erfahrungsgemäß vermag der Übende seine Gedanken nur 1-2 Sekunden auf irgend ein Objekt zu richten - im nächsten Augenblick schwindet es schon von seinem geistigen Auge, und wenn es einem gelingen sollte, sein Denken für volle 12 Sekunden auf eine Form zu konzentrieren, so hat er, Karma-Purana zufolge, bereits die sechste Stufe des Yoga (Dharana) erreicht. Wenn man dabei bedenkt, daß, wie im Kap. III, 70-81, gezeigt wurde, eine Gedankenkonzentration die ganze Dauer von „fünf Ghatikas“ (= 2 Stunden!) währen soll, erscheint die Schwierigkeit dieser Praxis ohne Zweifel.
S. 210: Die „Hitze“ und die „unbeschreibliche Freude“, sowie die ganze Vision überhaupt, sind unverkennbare Anzeichen der Erweckung der Kundalini. Die Erscheinung dieser psychischen Warme auch bei der Licht-Meditation im Herzen oder im Ajna-Cakra beweist, daß Kundalini auch von diesen Zentren aus erweckt werden kann. Andererseits dauert die Meditation im Muladhara allein, ohne vorherige Vorbereitung („Sensitivität“) durch Meditation im Ajna-Cakra, fast Jahrzehnte, bis das unterste Zentrum erst so weit entwickelt ist, um Visionen zu empfangen - und für die Erweckung der Kundalini und jede andere magische Wirkung der Gedanken ist die 2. Visionsstufe (siehe Seite 197) unbedingt erforderlich.
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Zum Abschluss noch ein paar zentrale Sätze aus „Der Weg zum wahren Adepten“ von Franz Bardon: S. 66-67: „Es gibt drei Arten von Askese: 1. die geistige oder mentale; 2. die seelische oder astrale und 3. die körperliche oder materielle Askese. Der ersteren obliegt die Gedankenzucht, der zweiten die Veredlung der Seele durch Beherrschung der Leidenschaften und Triebe und der dritten die Harmonisierung des Körpers durch mäßigen und natürlichen Lebenswandel.
Ohne diese drei Askesearten, die gleichzeitig und parallel entwickelt werden müssen, ist ein richtiger magischer Aufstieg nicht denkbar. Keine von diesen drei Arten darf vernachlässigt werden, keine darf den Vorrang gewinnen, falls die Entwicklung nicht einseitig werden soll.
S. 88: Für eine dieser Übungen wird eine Zeitspanne von vierzehn Tagen bis zu einem Monat vorgesehen. Dies gilt für durchschnittlich veranlagte Menschen. Diejenigen, die sich bereits praktisch mit Konzentration und Meditation beschäftigt haben, dürften mit dieser Zeitdauer auskommen. Solche, die darin noch nicht bewandert sind, müssen selbstverständlich die Übungszeit je nach Bedarf verlängern, denn alles Gelingen hängt von der Individualität des einzelnen ab. Für die Praxis wäre es zwecklos, von einer Stufe zur anderen überzugehen, ohne die vorhergehende richtig durchgearbeitet zu haben und zu beherrschen.
S. 95: Die Übung ist erfüllt, wenn man in der Lage ist, einen Gegenstand ohne Unterbrechung fünf Minuten lang festzuhalten.
S. 98-99: Diese Stufe hat den Zweck, das Gleichgewicht der Elemente in der Seele zu erreichen. Deshalb muß der angehende Magier bestrebt sein, die ihn am meisten hindernden Leidenschaften rasch und sicher zu beseitigen, will er in Magie Erfolg haben. Auf keinen Fall dürfen die Übungen der kommenden Stufen früher vorgenommen werden, bevor die der zweiten Stufe restlos beherrscht sind und namentlich im Elementeausgleich ebenfalls durchschlagender Erfolg erzielt wurde. Die Charakterveredlung muß den ganzen Kursus hindurch angestrebt werden, aber schon in dieser Stufe sind überhandnehmende und schlechte Eigenschaften zu beseitigen, die das größte Hemmnis der Weiterentwicklung sind.“
Meine Erfahrungen mit Schülern der Hermetik haben gezeigt, dass insbesondere die Aufstellung der Charaktertabelle die meisten vor unüberwindliche Schwierigkeiten stellt. Diese Arbeit führt in Verbindung mit den Übungen der Gedankenkontrolle und der Gefühlsbeherrschung zu ganz erheblichen psychischen Kämpfen, die viele Schüler gerne vermeiden wollen. Das ist zwar verständlich, führt aber grundsätzlich zu einen Stillstand der Entwicklung. Der Fortschritt der Schüler lässt sich besonders gut an ihrem Einsatz für das Bardon-Werk beurteilen, über das ich ja seit Jahrzehnten den besten Überblick besitze. Danach zu urteilen, scheint es weltweit nicht mehr als etwa ein Dutzend Schüler zu geben.
Wenn man berücksichtigt, dass ein Spitzensportler oder ein Meistermusiker jeden Tag mehrere Stunden mit Übungen zubringen muss, nur um seinen Standard zu erhalten, dann dürfte klar sein, dass man magische Fähigkeiten nicht mit Leichtigkeit gewinnen kann.
Wuppertal, 23. Mai 2009
Dieter Rüggeberg